Der Überlieferung der Gedankensysteme von Adam Smith, Herbert Spencer

Der Ausbruch des
Ersten Weltkrieges zwang die westlichen Mächte dazu, ihre Aufmerksamkeit von
China auf die Begebenheiten in Europa zu lenken und vorerst ihre
Wirtschaftspläne in Asien auszusetzen.1
Dies hatte zur Folge, dass der chinesische Kapitalismus einen unerwarteten
Aufschwung erlebte und somit als eine viel versprechende Basis für die
aufkommende Bourgeoisie dienen konnte.2
Neben dem Bürgertum wuchs ebenfalls das Proletariat rapide an und sah sich mit einer
ausbeutenden Oberschicht konfrontiert, gegen die es jedoch nichts ausrichten
konnte, da es noch nicht organisiert war und es einen ungebremsten Zufluss von
neuen Arbeitern gab, die aus ländlichen Gebieten vertrieben worden waren. In
dieser Zeit wuchsen auch die Intellektuellen Chinas heran, die einen Weg suchten,
mit den zahlreichen Problemen des Landes umzugehen.3

   Bereits seit 1840 waren junge Chinesen immer
stärker westlichen Ideen ausgesetzt gewesen und der Einfluss dieser stieg in
den folgenden Jahren noch deutlicher an. Auslandssemester und Staatsbesuche in
Amerika, Europa und Japan weckten das Interesse an fremder Literatur und
ausländischen Autoren wie Charles Dickens, Honorè de Balzac oder Alexandre
Duma.4
Dieser Hang zur neuen Literatur und Kultur wurde durch die starke Orientierung
Chinas nach dem Westen, trotz zahlreicher Niederlagen gegen die Kolonialmächte,
ausgelöst. Durch die Überflutung der Waren seit dem Beginn des vergangenen
Jahrhunderts gelangten, neben westlichen Anschauungen, vor allem Übersetzungen
abendländlicher Schriften nach China und genossen eine außerordentliche
Popularität; dazu beigetragen hatten die bereits Ende des 19. Jahrhunderts von
Lin Shu und Yan Fu ins Chinesische übertragenen Werke.5
Neben Übersetzungen belletristischer Bücher Lin Shus waren es vor allem die
Überlieferung der Gedankensysteme von Adam Smith, Herbert Spencer oder Charles
de Montesquieu durch Yan Fu, welche die Neugier der Chinesen auf den Westen
schürten und ihren Wissensdurst stärkten.6
Yan Fu, der als Übersetzer und später als Präsident der Beijing-Universität
tätig war, deren Eröffnung als einer der wenigen Erfolge des gescheiterten
Reformversuches durch Kang und Liang gezählt werden konnte, brachte mit seinen
Übersetzungen, insbesondere durch Huxleys Evolution
and Ethics verstärkt eine Strömung des Evolutionismus am Anfang des Jahrhunderts
hervor, entsprechend der darwinschen Idee des „Survival of the Fittest”, die
später durch Anleihen von Kropotkin auf die Gesellschaft angewandt wurde.7
Sozialdarwinistische Theorien hatten auf Philosophen bis in die zweite Hälfte des
Jahrhunderts einen nachhaltigen Einfluss.8
Der Wunsch nach Fortschritt und Modernisierung war ausgesprochen stark und zu
Anfang glaubten viele Intellektuelle, dass westliche Demokratie und die Ideale
China diesen Progress gewähren könnten. Doch die Ereignisse des Ersten
Weltkrieges und die Missachtung der chinesischen Forderungen bei der Pariser
Friedenskonferenz rief bei den meisten Chinesen bittere Enttäuschung hervor.
Die ursprüngliche Euphorie wich der Ernüchterung, dass sich westliche
Prinzipien nicht bedenkenlos auf China übertragen ließen und öffnete den Blick
für den Marxistischen Sozialismus, der in neuer Form die Intellektuellen
beeinflusste. Die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels waren zwar
bereits seit Anfang des letzten Jahrhunderts in China bekannt,9
hatten sich aber nicht durchsetzen können; erst mit der 4. Mai Bewegung fanden
sie vielfache Verbreitung,10
obwohl sich nicht alle Kritiker dem Sozialismus zuwandten.11
Die Ideologie fiel jedoch weitestgehend auf fruchtbaren Boden, nachdem die
Sowjetunion 1918 ungleiche Verträge der Zarenregierung aufkündigte und China
vielmehr als einen gleichberechtigten Partner betrachtete, auch wenn sie nicht
bereit waren die besetzten Gebiete wieder an China abzutreten. Der Sozialismus
wurde als fortschrittlichste Weltanschauung angesehen, der die Modernisierung
und Wiederherstellung des von politischen Unruhen zerrissenen Landes
gewährleisten sollte.12

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   In den Zeitschriften wie “Neue
Jugend” und “Junges China”, die in den folgenden Kapiteln näher erläutert
werden, konnten sich die Intellektuellen kritisch äußern und Artikel zu einer
Neuordnung des chinesischen Staates formulieren.13
Die politischen Überlegungen waren allerdings nur ein Aspekt, den die Denker im
Auge hatten, vielmehr verfolgten sie das Ziel einer Reform der Kultur, einer
Lösung von alten Traditionen und Lebensanschauungen. Im Mittelpunkt ihrer
Beanstandungen standen in erster Line der Konfuzianismus und die Reform der
Literatur.14
Briere betonte hierbei die zwei Stichworte, die die chinesische Gedankenwelt
nach 1911 in besonderem Maße prägten, nämlich die Wissenschaft und die Demokratie.
Hu Shi zur Folge wurde dadurch eine extrem gewaltsame Kampagne ausgelöst, die
gegen die moralische und politische Philosophie des Konfuzianismus geführt
wurde.15
Mit besonderer Schärfe war insbesondere die Kritik der „Bewegung für kulturelle
Erneuerung” an den Konfuzianismus gerichtet. Dieser galt mit übergreifender
Einigkeit unter den Verfechtern der Bewegung als der Grundpfeiler der
traditionellen Weltsicht und Hauptverursacher der gesellschaftlichen Misere,
der ein Hindernis für sämtliche Reformen und Fortentwicklungen darstellt und
somit im Namen der Wissenschaft und Demokratie überwunden werden musste. Dem
entgegen traten die konservativ-reaktionären Machthaber und ihre Gefolgsleute,
die zum größten Teil aus Beamten und Politikern bestanden. Unter den frühen
Verfechtern der Neuen Kulturbewegung übernahm Hu Shi eine wichtige Rolle, der
als geistiger Führer der Neuen Kultur und mit unter anderem als radikal
geltenden Auslegungen den Weg Chinas in die Moderne im hohen Maße beeinflusste.
Seine Ansicht bezüglich der „Verwestlichung” Chinas fand ebenfalls Zuspruch bei
Qian Xuantong, Mitglied der Führungskräfte der Yigupai16
und Schlüsselfigur der 4. Mai Bewegung, der im Zuge der literarischen
Revolution zeitweise die Ersetzung der chinesischen Schriftsprache durch
Esperanto forderte.17
Im folgenden Kapitel werden diesbezüglich die philosophischen Ansichten Hus im
Zusammenhang mit der Ideologie der Neuen Kultur genauer beleuchtet.